Case Study 📃 Vom Nichtraucher zum Raucher – und wie ich wieder zurück kam 😀

Teil 3: „Ich bin Raucher“

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Im 3. Teil der Fallstudie geht es um die Änderung des Selbstverständnisses durch den Tabakmissbrauch. Die Abhängigkeit von Zigaretten verändert die Identität:
„Ich bin Raucher“.

Tabakabhängigkeit verschiebt die Identität: „Ich bin Raucher.“

Ein neues Selbstverständnis: „Ich bin Raucher“

Es folgte der Perspektivwechsel: Gut, dann war ich eben Raucher.

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Die Zigarette beim Kaffee. Die erste am Morgen. Die danach, davor, zwischendurch.
Die kleine Pause, die jeder sieht und anerkennt. Keiner winkt einem Kellner, der gerade raucht – oh!, Pause!, dann bestelle ich etwas später.
Aber jeder winkt einem Kellner, der einfach herumsteht.
So ist es nicht nur beim Kellnern. Während der Arbeitszeit 10 Minuten blicklos herumstehen? Verwarnung. Ein No-Go.
Hingegen, in der Arbeitszeit 10 Minuten Raucherpause nehmen?
Anerkannt.

Zeit für mich selbst, groteskerweise: Wie ein Glas Rotwein. Eine Zigarette, ein Stück Musik; das Gefühl, wenn auch auf eigene Kosten, den Moment zu gestalten.
Die Lust am ersten Schluck Bier, die Lust am ersten Zug am Filter. Das Knistern des Tabaks. Das Rauchen, z.B. abends in der Bar, das zeigt, was für ein Genussmensch ich bin. Das glimmend anzeigt, wie es in mir brennt. Das Signal an den Flirtpartner.
Das Glimmen. Der erste Zug.
Nichts davon schmeckt nach Blaulicht, Krankenhausbett und OP-Scheinwerfern; Gestank des Äthers, Spritzen, Zugänge, Notoperationen und Kehlkopfentfernung, Aufwachen mit trockenem Mund, Na, Sie haben uns aber einen gehörigen Schrecken eingejagt!, Haarausfall, Krebs, Impotenz. Dein zerstörter Körper im Rollstuhl.
Stattdessen: Das Knistern. Der Faden Rauch im Licht. Die raue Stimme, das Timbre, Lotte Lenya oder Marianne Faithful … das alles ist cool, so cool! Du fühlst dich unzerstörbar.
Herausgehoben.

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Wie willst du da herauskommen?

Heute kann ich sagen: Meine letzte Zigarette habe ich vor über zwölf Jahren geraucht.
Aber ich erinnere mich auch an meine besten drei, als wäre es eben erst gewesen. Ich habe sie an einem einzigen Nachmittag geraucht, während ich an einem Hörspiel schrieb.
Ich schrieb am Computer meiner Freundin, die darauf bestand, dass ihre Wohnung eine Nichtraucherwohnung war – und blieb.

Ich schrieb die Sache von Anfang bis Ende durch, aber immer, wenn ich kurz nachdenken musste, setzte ich mich auf den Balkon, schloss die Tür hinter mir und zündete eine Zigarette an.
Die Konzentration auf etwas, das man mit den Händen tut. Die schützende Gebärde gegen den Wind. Das Aufflammen des Streichholzes, der erste Zug, und wie die Glut sich im Papier und im Tabak verfängt. Und jetzt der Zug auf Lunge.
Der Effekt, der Kick! Da war er!
Als hätte ich Kokain genommen – wie die Ideen sich verknüpften! Ich spürte geradezu, wie die Teilstücke von Einfällen, Gedankenblitzen, Inspiration zusammenkamen und neue Sätze, neue Wendungen im Text hervorbrachten. Ich drückte die Zigarette aus, ging hinein und schrieb weiter.

Drei Zigaretten, die besten meines Lebens, und am Abend war das Hörspiel fertig.
Ich tendiere heute noch dazu zu glauben, dass ich das Hörspiel ohne diese Zigaretten niemals an einem Tag hätte schreiben können – und dass es, verteilt auf mehrere Tage, unterbrochen, neu angesetzt, niemals so aus einem Guss gewesen wäre, wie es das am Ende war.
Aber natürlich ist es falsch.

Natürlich kann das Nikotin nicht für dich denken. Das tut übrigens auch Kokain nicht. Die Drogen fördern nur schneller zutage, was ohnehin schon im Entstehen war.
Wenn sie überhaupt etwas zutage fördern.

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Der Abschied vom Rauchen

So ließ ich es laufen.
Ich fühlte mich weiter morgens schlecht, ich war schnell erkältet, schnell erschöpft, fühlte mich ständig irgendwie ein bisschen krank, ich steckte viel zu viel Geld in den Zigarettenautomaten, ich stank wie ein Schlot und rauchte wie einer.

Und das Geld?
Antwort: 12 Jahre × 1,5 Schachteln täglich × 6 € (in heutigen Preisen) = 39.000 €.

Hier kannst du übrigens die Kosten des Rauchens berechnen: Kostenrechner Zigaretten.

Die selbe Summe hätte eine günstige Weltreise gekostet. Oder ein Hobby.
Ein teures Musikinstrument und Stunden. Eine ganze Reihe kleinerer Reisen.
Ein Lieblingssport, mit Equipment. Ein Segelboot.

Eigentlich hatte ich mich schon als lebenslänglichen Raucher akzeptiert.
Zwischendurch versuchte ich den Rauchstopp zwar noch einmal mit der Methode des Zigarettenzählens. Heute 20, morgen 19, übermorgen 18 … Das funktionierte nicht. Am 8. oder 9. Tag begannen nicht nur wieder die Entzugserscheinungen, sondern ich war auch am Mittag schon durch mit meinem Kontingent; der Tag aber hatte noch viel zu viele Stunden, um erträglich zu bleiben.
Also, wie schon so oft, es wurde weiter geraucht.
Und geraucht und geraucht und geraucht.

Noch einmal – mit einem Plan

Irgendwann, ich weiß nicht einmal mehr, ob es einen speziellen Anlass gab oder ob sich einfach der Leidensdruck allmählich doch so weit verdichtet hatte, dass ich meinte, jetzt sei es einfach Zeit – jedenfalls, die 12 Jahre waren um, es war soweit.
Ich war soweit.

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