Case Study 📃 Vom Nichtraucher zum Raucher – und wie ich wieder zurück kam 😀

Teil 2: Versuch und Irrtum

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→ 3. Teil der Fallstudie: „Ich bin Raucher“

Im 2. Teil der Fallstudie berichte ich von zunehmend ratlosen Versuchen, mit dem Rauchen aufzuhören – und den damit verbundenen Rückfällen.
Es war nicht so leicht, wie ich mir das vorgestellt hatte.

Meine Fallgeschichte: Versuche des Rauchstopps – und Rückfall

Der 15. März

Ich würde also aufhören. Noch am 14. März, nein, noch am Morgen des 15. März war ich todsicher, dass mein Plan aufgehen würde.
Am Abend zuvor hatte ich bewusst die letzte Zigarette geraucht, die letzte Packung in einem Kaminfeuer verbrannt, allen Freunden und sogar fernen Bekannten von meinem Entschluss erzählt, mich mit Orangen, Kinokarten und Verabredungen für die ersten zwei Wochen nach Rauchstopp eingedeckt, ja, sogar meiner Mutter am Telefon versprochen, nicht mehr zu rauchen – und jetzt gab es keinen Weg zurück.
Ab heute Nichtraucher, für immer. So war’s ja, von Anfang an, beschlossen.

Ich kam bis zum späten Nachmittag.

Immerhin!
Mir war schlecht, ich war wütend, ich zitterte; ich hatte nur noch einen Gedanken: Zigarette!
Nur noch ein Bild vor Augen: Streichholz, Zigarette, Glut, erster Zug!
Ich war übermüdet und überdreht und nervös, todtraurig und aggressiv, ich hatte entsetzliche Kopfschmerzen, konnte kaum atmen, ich hätte mich dem Nächstbesten in die Arme werfen und heulen können, schreien, stundenlange weinen, so geht das nicht!, mir war schlecht, und ich wusste, wenn ich nicht rauche, wird das hier schlimmer und schlimmer.
Gegen 16 Uhr stand ich wieder am Zigarettenautomaten.
Dann rief ich zuhause an, die Zigarette in der Hand: Das muss anders gehen!

🚬

Wie herrlich diese Zigarette war!
Es war, als hätte ich meinen Körper verlassen, diesen schlappen Lappen unsouveräner Botenstoffe und verrückt spielender Synapsen – und jetzt kehrte ich, mit jedem Zug am Filter ein Stück mehr, wieder zu mir zurück.
Erst drei, vier Zigaretten später, so gegen 18, 19 Uhr fühlte ich mich allmählich wieder wie ein gesunder junger Mann – wenn auch mit einem leichten Kratzen im Hals, – und mehr oder weniger normal.
Wie konnte etwas, das sich so heilsam anfühlte, derart ungesund sein?
Keine Frage, ich wusste trotzdem, dass Rauchen Lebensenergie, Lebenszeit, Lebensqualität kostet (das weiß jeder Raucher); aber dies war ein ferner, abstrakter Gedanke, der so wenig mit mir zu tun zu hatte wie die Mondlandungen Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre.
Die halbe Miete der Sucht ist die Selbsttäuschung – und ich blieb hier nichts schuldig.

Am Abend hatte ich einigen Leuten Einiges zu erklären.
Zumindest wusste ich jetzt: Ich habe ein Problem.



Nächste Station: Allen Carr, Endlich Nichtraucher

Nichts gegen Allen Carr!
Sein Buch „Endlich Nichtraucher“ (Partnerlink) ist, keine Übertreibung, zu Recht seit Jahrzehnten einer der größten Sachbuch-Hits der Ratgeberliteratur.
Viele ehemalige Raucher berichten, dass die Lektüre dieses Buchs ihnen zum Schritt in die Rauchfreiheit verhalf.
Hier habe ich mich ausführlicher damit beschäftigt.
Als Motivator, als Autor, als inspirierender Darsteller ist Carr auf seinem Gebiet ungeschlagen.
Also habe ich mich erneut inspirieren lassen, habe mich abermals ermannt, es noch einmal versucht – und das Rauchen wieder aufgegeben.

Auch mein Umfeld wusste wieder Bescheid. Ich besuchte mit einem Haufen Freunde einen Club, saß nach der Schließzeit noch in der Julinacht am warmen Neckarufer, trank mit den anderen gesundheitsschädlich viel Alkohol durch die halbe Nacht und rauchte die letzten vier Schachteln (!) meiner Lieblingsmarke, bis mir grau und übel war und ich mich fühlte, als wären meine Haare, meine Haut, mein Kopf, mein ganzer Körper selbst aus grauer, staubiger Asche.

Mission complete!

1. Am nächsten Morgen (eher Mittag) fühlte ich mich unverändert. Da war kein Kick! mehr, kein Verlangen. Das Belohnungssystem hatte den Kopf eingezogen. Der Bürgerkrieg war beendet, die interne Mafia ausgehoben. Punkt.
Das war mein persönlicher, ganz allein mir gehörender Schluss mit Rauchen-Augenblick. Diese Nacht hatte es mir wirklich gegeben.
Ab sofort war ich Nichtraucher – mein eigener 1. Januar, mitten im Sommer. So also funktionierte der kalte Rauchstopp, wie Carr ihn propagierte.
Fazit Tag 1: Durch den Kater gedämpft, aber von guten Vorsätzen beflügelt, begann ich mein neues Leben.

2. Am zweiten Tag war es schon etwas schwieriger. Das, was die Überdosis jener Nacht am ersten Tag verdeckt hatte, trat jetzt zutage: Der körperliche Entzug begann.
Morgens war mir übel, am Mittag wollte ich brechen und Abends war mir schlecht.
Dass meine Hände zitterten wie bei einem Traumatisierten aus dem Schützengraben, versteht sich von selbst.
Wieder etwas gelernt!
Jetzt wusste ich also, dass man noch an einer Überdosis leiden kann, während gleichzeitig schon die Entzugserscheinungen beginnen …
Die Euphorie von Tag 1 war ebenfalls verflogen.
Fazit Tag 2: Ich begann zu ahnen, dass es auch dieses Mal wieder schwer werden würde.

3. Am dritten Tag stellte ich morgens schon fest, dass ich todtraurig war. Ich bin kein Morgenmuffel, ich springe in der Regel aus dem Bett, schlürfe vorfreudig den ersten Kaffee und umarme den Tag. Nicht so an Tag 3.
Ich verbrachte den halben Nachmittag im Garten, traurig genug, der blaue Himmel war traurig, die Beete und Rabatten waren traurig, die selbstgepflückten Erdbeeren, die Sahne, der Kaffee dazu waren traurig, ich spielte traurigerweise Schach gegen einen Bekannten, und dass ich gewann, fand ich ebenso traurig, wie dass meine neue Freundin anrief und – traurigerweise – etwas Spektakuläres mit mir unternehmen wollte.
Ich hatte ein Felsmassiv von depressiver Verstimmung auf mir lasten, mindestens die Rocky Mountains oder die Anden, ich war am Boden zerstört, ich fühlte mich wie Gollum ohne Ring, und auf meinen Schultern lag die Versteinerung von Jahrmillionen.
Wenn etwas, das man stoppt, so tief in Körper und Psyche eingreift wie das hier – das konnte doch nicht gesund sein?
Nein, kann es nicht.
Fazit Tag 3: Der kalte Rauchstopp, Mr. Carr, ist eine traurige, eine sehr traurige Sache.

4. Der vierte Tag war der Schlimmste.
Wahrscheinlich wären Tag 5, Tag 6, Tag 7 usw. immer noch ein bisschen und noch ein bisschen schlimmer geworden – erst ab Tag 10, heißt es, lassen die Entzugserscheinungen nach, ab Tag 11 ist man über den Berg.
Wer bis Tag 12 gekommen ist, kommt auch bis Tag 14, und wer bei Tag 20 war, kommt auch bis Tag 40, 50 oder 60.

Entzug

Der Entzug hatte mich fest im Griff. Ich war so wütend! Ich war nicht etwa schlecht drauf, ein bisschen ärgerlich, mies gelaunt; ich war regelrecht wütend, nein, zornig, zornig und wütend, zornig war ich, wütend und zornig und aggressiv.
Natürlich wusste ich, das liegt am Nikotinentzug, aber der heiße, böse Zorn, der aus meinem Inneren aufstieg, vom Becken übers Rückenmark direkt in Fäuste und Bisswut wie bei einem Kampfhund, dieser Zorn war stärker als jede Einsicht.
Die Botenstoffe spielten verrückt! Testosteronspiegel rauf, Cortisolspiegel runter – ich schnauzte ins Telefon, ich maulte die Kassiererin im Supermarkt an, meine Kollegen im Büro mussten mit bissigen Bemerkungen dran glauben, sogar mein bewunderter, direkter Chef bekam sein fettestes Fett weg.
Ich war völlig wehrlos angesichts dieser frei flottierenden alttestamentarischen Kampfeswut, die da so unkanalisiert in mir aufstieg.
So müssen sich Aiax vor Troja oder Siegfried aus Xanten gefühlt haben, wenn sie auf ihre Schilde schlugen, um sich für den tödlichen Schlagabtausch in eine richtig böse Stimmung zu bringen.
Ich verbiss mich in das distanzierte Erstaunen der Kollegen, schnappte bei der leisesten Ansprache die nächste aggressive Sottise – und als ich später im Vollgefühl „des Muts in meiner Brust“, wie die alten Rhapsoden und Sänger das nannten, die Straße hinunter schritt, starrte ich alles nieder, was nicht bei drei auf den Bäumen war. Von innen fühlte sich das an wie ein feuriger Blick; von außen wirkte es wahrscheinlich wie die Mordlust eines Soziopathen.
Allein für diesen ausgerasteten Blick hätte ich in Sicherheitsverwahrung gehört.
Drei Jahre Rauchen mit rund anderthalb Schachteln am Tag hatten genügt; es hatte nur rund 10.000 € = 30.000 Zigaretten gebraucht – und ich war vom Elb zum Ork geworden.

🤯

Die Antwort, mal wieder: So geht es nicht.
Ich musste retten, was zu retten war, meinen Job, meine Freundschaften, meine junge Beziehung – und das hieß: Rauf mit dem Nikotinspiegel!
Vorbei der Traum der Freiheit.

Ausgeliefert

Am Abend saß ich mit Freund Rolf zusammen beim Bier, der irgendwann grinste: „Für einen Nichraucher quarzt du aber ganz schön was weg!“
Recht hatte er.
Mein Reptilienhirn hatte den homo sapiens sapiens in mir – schon wieder! – besiegt.
Einmal mehr fühlte ich mich schwach. Noch schwächer. Und schuldig. Und unfähig. Und ausgeliefert.

Ich hatte schon längst nicht mehr geglaubt, dass ich jederzeit aufhören könnte – das war der Erkenntnisschritt des ersten, großen ernstgemeinten Versuchs gewesen.
Jetzt aber glaubte ich auch nicht mehr, dass ich jemals würde aufhören können – das Fazit des zweiten.
Dies war die entscheidende Niederlage. Ich versuchte es jahrelang nicht mehr.

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